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WORTE-SAETZE-GESCHICHTEN

 

Eine Nacht auf dieser Erde,

die ein Stern ist

 

Es ist ein lauer Sommerabend und die Waldbühne füllt sich langsam. Es herrscht eine freudige Spannung. Einige Fernsehstationen haben sich angesagt, denn es soll die letzte Tournee von Phil Johnston, der Jazzlegende, sein, eine Abschiedstournee und damit herrscht eine kribbelige Spannung. Auch die Pressekonferenz war knacke voll und Phil und die Jungs der Band waren bester Laune. Phil war eine echte Plaudertasche, der einige Storys zum besten gab. Auf die Frage, wann er zu sterben gedenke, meinte er nur lakonisch. „Ich bin mir ziemlich sicher, auch im Himmel wird Jazz gespielt. Aber lassen sie mir noch etwas Zeit. Meine Frau liebt mich noch, also warum sollte ich sterben.“

Wie bei vielen Jazzmusikern, die oft ein wildes, exzessives Leben führen, ist die Grenze zum Jenseits immer gegenwärtig. Viele Jazzmusiker experimentieren mit Drogen. Der eine braucht die Droge, um sich in einen einzigen Rausch zu spielen. Der eine pusht sich mit Kokain, der andere überspielt seine Abgründe und hängt am Heroin und andere schmeißen Pillen, um sich high und frei zu fühlen.

Phil hat jahrzehnte lang mit Drogen gespielt. Ich kenne zwar nur einige Storys aus den einschlägigen Blättern, aber ich weiß nichts genaues. Die Frage nach seinem Ableben könnte man als unpassend interpretieren, doch sie hat bei Phil ihre Berechtigung. Phil ist seit zwei Jahren clean und hat sich einer aufwendigen Therapie unterzogen. Es war eine harte Zeit für ihn, wo er sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückzog. Er sagte einmal. „Ich hoffe die Drogen werden mich nie mehr einholen, denn du bist nicht mehr selbst, du bist ein Gefangener der Drogen und dies kann dich vernichten. Ich liebe mein Leben und möchte es noch genießen.“ Dass Hilary seine jetzige Sekretärin, auch seine frühere Therapeutin war, hat sie mir erklärt, weil ich die Frage nach seinem Ableben erst mal nicht verstand. „Phil weiß wovon er spricht. Er kennt die Droge und will durch nichts wieder in Versuchung geraten.“

Während ich am Mischpult mit dem Soundmanager alles durchspreche, fällt mein Blick auf eine Frau, die meinen ganzen Gefühlshaushalt in Wallung bringt. Ja, es ist Olga. Meine, liebe, kleine Olga hat sich auf dieses Konzert verirrt. Ich weiß nicht recht was ich tun soll. Ignorieren, hingehen? Ich beobachte sie ein wenig, wie sie durch die Stuhlreihen läuft. Ja, wer hätte das gedacht. Olga mit einem hübschen Sommerkleid und einer modischen Sonnenbrille. Ihre seidenen blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden und ihre Hüften wackeln und ihr Knackarsch lässt mich von Erotik träumen. Ich habe erst letzte Nacht von ihr geträumt. Ich tat es zuerst als eine törichte Phantasie ab, doch ich musste immer wieder an sie denken. Hat mir mein Unterbewusstsein einen Streich gespielt? Bin ich immer noch wild auf meine kleine Olga? Träume sind das Produkt unserer unbewussten Sehnsüchte, aber auch unserer Ängste. Ich habe geträumt, ich würde im Supermarkt um die Ecke fahren mit einem vollbepackten Einkaufswagen und wäre mit ihr frontal zusammengestoßen. Ihr fiel eine Milchtüte zu Boden und wäre auf dem Boden zerplatzt. Wir stehen nun in diesem Milchsee und plötzlich können wir uns nicht mehr halten vor Lachen. Und plötzlich war es wieder da, dieses dreckig schöne Lachen von Olga. Wir sind dann zu mir gefahren und haben uns geliebt. Aber dies war ein Traum.

Ich lasse als Testballon einen schrillen Pfiff los und plötzlich drehen sich fünf Frauen um. Fünf Frauen? Nein, die sind mir zuviel. Und auch Olga dreht sich um und grinst breit und frech. Locker, flockig, leicht schlendert sie mir entgegen.

„Hi, Willy was machst du hier?“

„Ich mache hier bloß meinen Job.“

„Ach ja. Kein Geldbote mehr? Bist du jetzt Soundmanager?“

„Voila, ich bin der neue Tourmanager von Phil Johnston. Wie geht’s dir? Und wo ist eigentlich dein neuer Lover?“

Ich weiß die Frage ist indiskret, aber warum um den heißen Brei herumreden. Ich will klare Verhältnisse, keine hintersinnigen Ausreden oder einen belanglosen Smalltalk.

„Ach Gott, der Junge war einfach nur doof. Viel Kohle, aber wenig Hirn. Das genaue Gegenteil von dir.“

Oho, sie schmeichelt mir. Wenn Olga eine Charmeoffensive startet führt sie meistens was im Schilde. Sie blickt verlegen zu Boden.

„Es tut mir leid, wie ich dich abserviert habe. Das war nicht in Ordnung. Aber die Versuchung war einfach zu groß. Plötzlich war da dieser Wunsch. Viel Geld, ein sorgloses Leben und Luxus kann einfach nur geil sein.“

„Das Leben ist mehr als Luxus. Man braucht die richtigen Menschen, echte Freunde mit denen man leben will. Luxus und Pomp verdirbt die Menschlichkeit. Glück kann man nicht mit Kohle kaufen.“

„Ach, mein kleiner Sokrates. Du glaubst immer noch an die große Liebe. Aber ich habe dir immer erklärt, dass Ästhetik auch etwas mit Stil zu tun hat. Menschen, die keinen Stil haben, wissen ihr Leben nicht zu schätzen. Wer nur vor sich hindümpelt mit Bierflasche vor der Glotze, der ist einfach unsexy.“

„Ach, was ist im Leben nicht alles unsexy? Du weißt, ich liebe dich als Frau und als Mensch. Als Frau, weil du sehr genau weißt, was du willst und als Mensch, weil du auch ein mitfühlendes Herz haben kannst.“

Und plötzlich hat meine liebe, kleine Olga wieder diesen verträumten Blick. Es ist als ob ihr Herz heftig bum bum macht und die kreisrunden Rehaugen werden immer größer und größer. Sie fährt mir mit der Hand durchs Haar und gibt mir einen zärtlichen Kuss.

„Mensch, Olga, ich liebe dich wirklich. Es ist nicht nur ein Gefühl, da ist mehr. Und nur weil ich nicht auf Luxus abfahre, bin ich kein Mann ohne Stil.“

„Ich weiß. Ich muss mich jetzt setzen.“

Und da sitzen wir nun und halten Händchen und blicken uns verträumt an. Der Traum ist unsere einzige Hoffnung. Und auf der Bühne beginnt gerade ein Traum. Olga streichelt meine Hände und Phil Johnston spielt „I want to talk about you“. Besser hätte es kein Regisseur inszenieren können. Aber es ist mehr als reiner Kitsch. In diesem Moment sind unsere Blicke wie gebannt, als wären wir körperlos verschmolzen. Dieser Blick und „I want to talk about you“ ist die größte Liebeserklärung, die ich je einem Menschen gemacht habe und mir laufen die Tränen vor Glück an beiden Backen herunter. Und Olga nimmt mein Gesicht in beide Hände und küsst jede einzelne Träne hinweg.

Es ist die schönste Geste, die ich je von einem Menschen erfahren habe. Es ist ein Gefühl wohliger Wärme, die meinen Körper durchflutet. Und Olga küsst meine Hände und ich fahre durch ihr verträumtes Gesicht. Wir sind nur in bestimmten Augenblicken glücklich und wissen doch nicht was das ist, dieses Gefühl, das wir Liebe nennen.

Und Kenny spielt ein paar Akkorde und ein jubelnder Applaus durchzieht die Waldbühne. Es ist „Summertime“ und Phil spielt die ersten Takte der Melodie und improvisiert in der Tonleiter und nimmt das Publikum mit auf ein dreiminütiges Solo, dass einen verstehen lässt, warum er immer spielt, als wäre er gerade verliebt. Es ist dieser samtweiche Sound, der die Herzen des Publikums erwärmt. Was gibt es mehr. Ein lauer Sommerabend und Phil Johnston spielt „Summertime“ und man hat dieses Gefühl, dass es wirklich noch Wunder gibt.

Ja, es gibt dieses Wunder. Es gibt dieses Wunder der Liebe. Wäre ich ein tiefgläubiger Mensch, würde ich jetzt glauben, ein weiter, ferner Gott hätte ein Wunder inszeniert, wie es selten in unseren Träumen passiert. Gibt es den puren Zufall? Ist unser Leben eine einzige Kontingenz des Unvorstellbaren? Und doch ist da diese Hoffnung auf das Gute im Leben, das Gute im Menschen, dass uns überhaupt fähig macht zu lieben. Es sind diese leisen Herztöne, die mich staunen lassen. Und staunen ist oft der Beginn einer neuen Realität, denn wir sehen nur mit dem Herzen gut. Mein Herz, dein Herz, mein Schmerz, dein Schmerz. Herz und Schmerz, es bleibt die ewige Dialektik der Liebe. Warum ist es gerade hier passiert, an einem lauen Sommerabend, als Phil Johnston mit seinem Quartett diese Herztöne spielt, die weder seicht noch kitschig sind, sondern einfach nur schön?

Und Phil spielt ein paar Klassiker aus seiner Samba-Ära und die Begeisterung von tausend begeisterten Menschen wogt durch die Waldbühne und das Glück ist greifbar nahe. Phil sagte einmal. „Es ist immer wieder ein neuer Versuch mit diesem Biest, dem Publikum. Manchmal kriegst du es und manchmal kriegst du es nicht. Aber wenn du diese leise, stille Harmonie zwischen der Band und dem Publikum spürst, dann hebst du ab. Wir fliegen, als würden wir durchs Universum gleiten.“

Und die Musiker spielen sich in einen Rausch. Jedes Stück wird zu einem Höhenflug der Improvisation, jedes Solo, jeder Taktwechsel wird frenetisch applaudiert und Phil legt ein Solo nach dem anderen hin. Es ist, als wäre das Raumschiff Jazz gelandet und hebt gerade ab in die Weiten der Galaxie. Wir fliegen, als wäre Zeit und Raum vergessen. Nach der letzten Zugabe kommt Phil noch einmal heraus und bedankt sich beim Publikum. Er läuft zum Rand der Bühne und schüttelt all die Hände, die sich ihm liebevoll entgegenstrecken. Dieses Bild bleibt haften. Es ist der liebevolle Freundschaftsbeweis zweier Liebender, dem Publikum und einem Künstler, der weiß was er seinem Publikum schuldig ist. Die Lichter gehen aus, die Menschen laufen freudig erregt nach Hause und die Rowdies beginnen mit dem Abbau der Anlage.

Ich sitze noch etwas verträumt herum und Olga nimmt meine Hand und drückt sie ganz fest. Ich schaue sie staunend an. „Was für eine Nacht. Eine Nacht auf dieser Erde, die ein Stern ist. Ich mache dir einen Vorschlag Olga. Komm mit auf die Tournee. Fahre mit durch die schönsten Städte Europas. Du kannst mir helfen und von dem Geld können wir beide gut leben.“ Olga wiegt ihren Kopf hin und her und flüstert mir ins Ohr. „Du bist ein Fuchs. Heute bin ich wachsweich und kann nicht nein sagen. Ja, ich komme mit.“